Das subjektive Erleben des Alterns: Mehr als nur Verlust

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zusammengefasst von Selma Korlat

Die vorliegende Studie untersuchte, wie ältere Menschen das Älterwerden tatsächlich erleben

Die Forschenden interviewten 17 Personen im Alter zwischen 70 und 88 Jahren, die selbstständig in den USA lebten, und stellten ihnen offene Fragen zu ihren Erfahrungen mit dem Älterwerden, ihrem Alltag, ihren Beziehungen und den Veränderungen, die sie im Laufe des Alterns wahrnahmen. Im Mittelpunkt standen dabei nicht medizinische Diagnosen oder Statistiken, sondern die subjektive, gelebte Erfahrung des Älterwerdens.

Insgesamt zeichneten die Ergebnisse ein deutlich positiveres und differenzierteres Bild des Alterns, als es häufig in gesellschaftlichen Stereotypen dargestellt wird. Obwohl die Teilnehmenden körperliche Veränderungen und bestimmte Verluste klar benannten, beschrieben die meisten das Alter nicht als eine Zeit von Elend oder Hoffnungslosigkeit. Vielmehr fühlten sich viele weiterhin aktiv am Leben beteiligt, emotional erfüllt, psychisch stabil und sozial verbunden. 

Aus den Interviews ergaben sich sieben zentrale Themen.

1. Körperliche Veränderungen akzeptieren

Fast alle Teilnehmenden berichteten über körperliche Veränderungen wie langsamere Bewegungen, Schmerzen, Gleichgewichtsprobleme, Müdigkeit, Sehverschlechterungen oder Schlafprobleme. Diese Veränderungen wurden teilweise als frustrierend oder überraschend erlebt, dennoch lernten die meisten mit der Zeit, sich daran anzupassen und ihren Alltag entsprechend umzugestalten. Wichtig war dabei, dass körperliche Einschränkungen die Lebensqualität nicht zwangsläufig zerstörten. Viele blieben weiterhin aktiv, sozial eingebunden und interessierten sich für Hobbys und bedeutungsvolle Aktivitäten. 

2. „Alt sein“ versus „sich alt fühlen“

Eines der stärksten Ergebnisse war, dass sich viele Teilnehmende innerlich nicht alt fühlten, obwohl sie wussten, dass sie chronologisch älter geworden waren oder Veränderungen ihres Körpers wahrnahmen. Mehrere beschrieben, sich psychologisch deutlich jünger zu fühlen als ihr tatsächliches Alter. Häufig wurde eine Diskrepanz zwischen dem inneren Erleben und dem äußeren Erscheinungsbild beschrieben. Das Älterwerden wurde oft als schleichender Prozess erlebt, mit dem man sich emotional nicht vollständig identifizierte. 

3. Von anderen als alt wahrgenommen werden

Viele Teilnehmende bemerkten, dass sie von der Gesellschaft zunehmend anders behandelt wurden. Manche berichteten davon, sich unsichtbar, ignoriert oder stereotypisiert zu fühlen. Andere wiederum erlebten mehr Freundlichkeit, Geduld oder Respekt durch jüngere Menschen. Altern bedeutete daher nicht nur körperliche und psychologische Veränderungen, sondern auch Veränderungen der sozialen Rolle und der Art, wie andere Menschen einen wahrnehmen. 

4. Psychologisches und emotionales Wachstum

Dies war vielleicht das wichtigste Thema der Studie. Viele Teilnehmende beschrieben, mit dem Alter ruhiger, zufriedener und emotional ausgeglichener geworden zu sein. Sie machten sich weniger Gedanken darüber, was andere von ihnen denken, und fühlten sich stärker mit sich selbst im Reinen. Mehrere berichteten, im Laufe des Lebens weiser geworden zu sein und sich stärker auf das konzentrieren zu können, was wirklich wichtig ist. Das Alter wurde daher nicht nur mit Verlusten, sondern auch mit persönlichem Wachstum, größerer Selbstakzeptanz und innerem Frieden verbunden. 

5. Zeit anders erleben

Viele Teilnehmende beschrieben Zeit gleichzeitig als freier und begrenzter. Pensionierung und weniger Verpflichtungen ermöglichten ihnen mehr Freiheit und Flexibilität im Alltag. Gleichzeitig führte das Bewusstsein, dass das Leben endlich ist, dazu, dass sie bewusster auswählten, womit und mit wem sie ihre Zeit verbringen wollten. Dieses Bewusstsein wurde oft nicht als deprimierend erlebt, sondern motivierte dazu, sich stärker auf bedeutungsvolle Aktivitäten, wichtige Beziehungen und schöne Erfahrungen zu konzentrieren. 

6. Enge Beziehungen wertschätzen

Beziehungen zu Familie, engen Freund*innen, Kindern und Enkelkindern wurden mit zunehmendem Alter immer wichtiger. Viele Teilnehmende berichteten, dass oberflächliche Kontakte an Bedeutung verloren hätten, während emotionale Nähe und tiefere Beziehungen zentral geworden seien. Mehrere betonten außerdem, wie wichtig es ihnen sei, jüngere Generationen zu unterstützen oder etwas Bleibendes zu hinterlassen. 

7. Sich freier und authentischer fühlen

Viele beschrieben das Alter als befreiend. Sie fühlten sich weniger unter Druck, andere beeindrucken zu müssen oder gesellschaftlichen Erwartungen zu entsprechen. Stattdessen berichteten sie von größerer Freiheit, ehrlich zu sprechen, authentisch zu handeln und sich auf das zu konzentrieren, was ihnen wirklich wichtig ist. Mehrere sagten, dass ihnen die Meinung fremder Menschen kaum noch wichtig sei und sie ihre Energie lieber in Beziehungen zu Menschen investieren, die ihnen tatsächlich etwas bedeuten. 

 

Insgesamt stellt die Studie das verbreitete Stereotyp infrage, dass Altern hauptsächlich mit Verlust und Unglück verbunden sei. Obwohl die Teilnehmenden reale Herausforderungen – insbesondere körperliche – beschrieben, erlebten viele das Alter gleichzeitig als eine Phase von Weiterentwicklung, Resilienz, Authentizität, emotionaler Weisheit und größerer Wertschätzung des Lebens. Die Ergebnisse legen nahe, dass Altern nicht nur Verluste, sondern auch wichtige psychologische und soziale Gewinne mit sich bringen kann. 

Gleichzeitig sollte eine wichtige Einschränkung berücksichtigt werden: Alle Teilnehmenden waren weiße ältere Erwachsene aus den USA, die selbstständig lebten. Ihre Erfahrungen repräsentieren daher möglicherweise nicht die Erfahrungen älterer Menschen aus anderen kulturellen, ethnischen, sozialen oder wirtschaftlichen Kontexten weltweit. Altern kann je nach Kultur, sozialem Unterstützungssystem, Armut, Gesundheitsversorgung oder Diskriminierung sehr unterschiedlich erlebt werden. Dennoch zeigt die Studie deutlich, dass Altern nicht ausschließlich mit Abbau und Verlust verbunden ist. Für viele Menschen kann es auch eine Phase von Sinn, Freiheit, emotionalem Wachstum und psychischem Wohlbefinden sein.

Washburn, A. M., & Williams, S. (2020). Becoming and being an older adult: A mixed methods study of the lived experience of agingJournal of Aging Studies, 54, 100871. https://doi.org/10.1016/j.jaging.2020.100871