Die Menopause im Kontext: Warum die Lebensmitte mehr ist als ein hormoneller Übergang

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Die Menopause im Kontext: Warum die Lebensmitte mehr ist als ein hormoneller Übergang
zusammengefasst von Esther Liv Engelmann
In zahlreichen öffentlichen Diskussionen über die Menopause stehen Symptome wie Hitzewallungen, Schlafstörungen und „brain fog“ im Mittelpunkt. Hierbei entsteht häufig der Eindruck, dass die Menopause das Hauptproblem in der Lebensmitte darstelle: ein biologisches Defizit, das es zu beheben gelte. Aber dieses Bild ist unzureichend. Hier setzt die Untersuchung von Wood, McCarthy, Pitt, Arnot und Thomas (2025) genau an. Sie fragt nicht nur, wie Frauen die Menopause erleben, sondern auch danach, wie sie diese Erfahrung in den Kontext ihres gesamten Lebens in der Lebensmitte einordnen. Im Zentrum steht dabei die Frage, wie verschiedene Belastungen dieser Lebensphase zusammenwirken.
Methodischer Zugang und zentrale Befunde
Die Autorinnen verwendeten dazu eine qualitative Online-Befragung in Australien. In der Gesamtheit nahmen 509 Frauen im Alter von 45 bis 64 Jahren teil. Allein die Basisbefunde zeigen deutlich: Menopause weist eine hohe Heterogenität auf. Einige Frauen beschrieben sie als belastend, chaotisch und existenziell verunsichernd; begleitet von starken körperlichen Symptomen, emotionalen Schwankungen und dem Gefühl, die Kontrolle über den eigenen Körper zu verlieren. Andere hingegen berichteten von erstaunlich positiven Erfahrungen: Erleichterung über das Ende der Menstruation, mehr Gelassenheit sowie ein Gefühl von Freiheit, Autonomie und einem neuen Lebensabschnitt.
Für die meisten Frauen war jedoch entscheidend, dass die Menopause nicht die einzige Belastung darstellte. Stattdessen erfolgte ihre Beschreibung nahezu immer zusammen mit anderen Herausforderungen. Die Autorinnen bezeichnen dieses Muster als „midlife collision“: das Aufeinandertreffen mehrerer, häufig miteinander in Konflikt stehender Anforderungen. Hierzu zählen unter anderem die gleichzeitige Verantwortung für Kinder im Jugendalter und Eltern, die auf Pflege angewiesen sind, finanzielle Schwierigkeiten, Trennungen oder Scheidungen sowie berufliche Belastungen. In der Lebensmitte treffen Frauen häufig auf überlagernde gesellschaftliche Erwartungen: Sie sollen ohne Schwäche zu zeigen gleichzeitig Fürsorge leisten, emotional präsent sein und beruflich leistungsfähig bleiben. Gleichzeitig erleben Frauen geschlechtsspezifischen Ageismus, etwa soziale Unsichtbarkeit oder Abwertung am Arbeitsplatz.
Psychologische Einordnung und Implikationen
Von psychologischem Interesse ist, dass die Studie eine weit verbreitete Sichtweise in Zweifel zieht: die Vorstellung, die Menopause sei vor allem ein medizinisches Problem, das mit Hormonen, Produkten oder individuellem Selbstmanagement gelöst werden könne. Frauen mit ausgeprägten Symptomen berichteten zwar durchaus von erheblichem Leidensdruck, die Studie macht jedoch deutlich, dass eine ausschließliche Konzentration auf Symptome viele Erfahrungen nicht zur Kenntnis nimmt. Die Autorinnen setzen sich deshalb für einen Perspektivwechsel ein: Es sollte nicht nur darum gehen, Frauen in der Lebensmitte zu „behandeln“, sondern auch die Umstände zu adressieren, die ihr Leben erschweren.
Quelle:
Wood, K., McCarthy, S., Pitt, H., Randle, M., Arnot, G., & Thomas, S. L. (2025). “Hiding symptoms and balancing work, family and relationships”: Australian women discuss menopause and the midlife collision. Social Science & Medicine, 118681.
