Digitale Formen von Sexualität im Generationenwandel

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zusammengefasst von Iris Wahring

Das Internet hat in den vergangenen Jahrzehnten nahezu alle Lebensbereiche revolutioniert – die Sexualität bildet hier keine Ausnahme. Von der Suche nach Sexpartner:innen über Dating-Apps bis hin zum Versenden intimer Nachrichten (Sexting) und zu Virtual-Reality-Pornographie wächst das Angebot an digitalen Möglichkeiten stetig. In der Forschung wird dieses Phänomen unter dem Begriff der „Digisexualität“ zusammengefasst. Eine aktuelle, für Deutschland repräsentative Studie mit 3.564 Teilnehmer:innen wirft nun einen genauen Blick darauf, wie verbreitet diese Praktiken sind und wie stark sich die Nutzung zwischen jüngeren und älteren Generationen unterscheidet.

Dabei unterscheiden die Forschenden grundsätzlich zwischen zwei Entwicklungsstufen der Digisexualität: In der ersten Welle fungiert die Technologie lediglich als Vermittler zwischen Menschen, etwa durch klassische Online-Pornografie oder Dating-Apps. In der zweiten Welle simuliert die Technologie die Sexualität selbst. Hierunter fallen hochrealistische Sexroboter sowie Virtual-Reality-Pornografie, bei denen die Interaktion primär mit der Technik stattfindet.

Jüngere Generationen experimentierfreudiger bei neuen Technologien

Ein Blick auf die Daten zeigt deutliche generationenspezifische Präferenzen. Wenig überraschend sind es vor allem die Generation Z und die Millennials, die digitale Angebote zur sexuellen Entfaltung intensiv nutzen. Etwa die Hälfte von ihnen hat bereits Erfahrungen mit der Suche nach Sexualpartner:innen über Dating-Apps gesammelt. Bei den älteren Jahrgängen zeichnet sich ein anderes Bild ab: Unter den Babyboomern nutzen nur rund zehn Prozent diese Apps, bei der noch älteren „Silent Generation“ (geboren zwischen 1928 und 1945) sind es gut fünf Prozent.

Ein ähnliches Gefälle zeigt sich beim Sexting: Über die Hälfte der Generation Z tauscht sexuelle Fantasien auf digitalem Weg aus, während dies nur bei knapp elf Prozent der Boomer der Fall ist. Besonders markant ist der Generationenunterschied jedoch bei den Technologien der zweiten Welle. Fast 17 Prozent der jungen Erwachsenen (Gen Z) haben bereits Virtual-Reality-Pornografie ausprobiert. Bei den Babyboomern und der Silent Generation tendiert die Nutzung von VR oder Sex-Puppen hingegen gegen null.

Pornografie als generationenübergreifender Nenner

Bedeutet das nun, dass ältere Menschen der digitalen Sexualität völlig den Rücken kehren? Die Studienergebnisse widersprechen dieser Annahme. Es zeigt sich vielmehr, dass sich die Generationen bei der Nutzung klassischer Online-Pornografie deutlich ähnlicher sind. Obwohl auch hier die jüngeren Kohorten mit über 70 Prozent am stärksten vertreten sind, geben immerhin knapp 58 Prozent der Boomer und rund 61 Prozent der Silent Generation an, schon einmal Pornografie konsumiert zu haben. Das digitale Interesse ist also durchaus vorhanden, es konzentriert sich im höheren Alter jedoch eher auf etablierte Formen der ersten Welle.

Zusammenhang mit zwanghaftem Sexualverhalten?

Neben den reinen Nutzungszahlen untersuchte die Studie auch psychologische Aspekte, konkret die Frage, ob Digisexualität mit zwanghaftem Sexualverhalten einhergeht. Letzteres wird über Faktoren wie Kontrollverlust, Leidensdruck oder negative Konsequenzen im Alltag definiert.

Grundsätzlich berichteten die Teilnehmenden im Durchschnitt von nur wenig zwanghaftem Verhalten. Dennoch ließ sich statistisch feststellen: Wer häufiger digisexuelle Angebote nutzt, neigt auch eher zu zwanghaftem Sexualverhalten. Der stärkste Zusammenhang fand sich dabei interessanterweise nicht bei VR oder Pornos, sondern bei der Suche nach Sexualpartnern über Dating-Apps.

Hierbei ist jedoch ein wichtiges Detail zu betonen: Die Kausalität ist unklar. Es lässt sich aus den Daten nicht ableiten, ob die Nutzung von Dating-Apps und Co. zu zwanghaftem Verhalten führt, oder ob Menschen, die ohnehin zu diesem Verhalten neigen, im Internet schlichtweg eine leicht zugängliche Plattform dafür finden. Bisherige Langzeitstudien liefern hierzu noch keine eindeutigen Antworten. Fest steht jedoch, dass die Digitalisierung der Sexualität nicht nur unter dem Aspekt möglicher Risiken betrachtet werden sollte. Digisexualität bietet ebenso das Potenzial, sexuelle Selbstbestimmung und Aufklärung über alle Generationen hinweg zu fördern.

 

zur Studie: Desbuleux, J. C., Desbuleux, J. F. M., & Fuss, J. (2025). Prevalence of first- and second-wave digisexualities in Germany and their relation to Compulsive Sexual Behavior: Findings from a National Online Survey. Journal of behavioral addictions14(2), 1040–1050. https://doi.org/10.1556/2006.2025.00048