Ist alles schöner, wenn wir es gemeinsam tun?

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Ist alles schöner, wenn wir es gemeinsam tun?
zusammengefasst von Jana Nikitin
Viele von uns haben ein intuitives Gefühl dafür, dass gemeinsame Zeit guttut. Aber dieses Gefühl hat Grenzen: Manche Tätigkeiten sind gerade deshalb attraktiv, weil man sie in Ruhe und allein macht – lesen, nachdenken, kreativ sein. Und bei unangenehmen Aufgaben (Küchenputz!) fragt man sich erst recht, ob Gesellschaft wirklich hilft. Genau diese Frage stand im Zentrum einer großen Studie von Dunigan Folk und Elizabeth Dunn: Gibt es überhaupt Alltagstätigkeiten, die sich weniger glücklich anfühlen, wenn man dabei mit anderen zusammen ist?
Folk und Dunn nutzten dazu die Daten der American Time Use Survey (ATUS), eine umfangreiche Befragung der Bevölkerung in den USA. Menschen ab 15 Jahren werden telefonisch gebeten, ihren Vortag in Episoden zu rekonstruieren: Was haben sie wann gemacht? Aus dem Tagesprotokoll werden drei Episoden zufällig ausgewählt, und die Teilnehmenden geben auf einer Skala an, wie glücklich sie in dieser Episode waren, und ob sie mit jemandem interagiert haben. Für die Analysen wurden vier Jahre herangezogen (2010, 2012, 2013, 2021). Insgesamt umfasste die Studie 41.094 Personen und 105.766 Episoden aus sehr vielen verschiedenen Tätigkeiten.
Folk und Dunn wollten dabei nicht einfach zeigen, dass Sozialkontakt gut ist (das wissen wir seit Jahrzehnten), sondern sie wollten prüfen, ob der Zusammenhang je nach Tätigkeit anders ausfällt – also ob es Aktivitäten gibt, bei denen „mit Anderen“ nicht besser ist. Deshalb betrachteten sie über 80 Alltagsaktivitäten. Außerdem schlossen sie Episoden aus, die per Definition sozial sind (z. B. „Socializing and communicating“), damit der Befund nicht trivial wird. Für jede Aktivität wurde geschätzt, wie viel höher das Glücksrating ist, wenn die Person während dieser Aktivität mit jemandem interagiert (versus nicht interagiert).
Den Befund war erstaunlich: Praktisch jede einzelne Aktivität war im Mittel angenehmer, wenn Menschen dabei mit jemandem interagierten. Über alle Jahre hinweg gab es 297 aktivitätsspezifische Effekte. Davon waren 296 positiv – also „mehr Glück bei Interaktion“. Nur ein einziger Effekt war negativ: Küchen- und Essensaufräumen im Jahr 2021 war minimal weniger angenehm, wenn Interaktion stattfand. Und selbst das war in den anderen Jahren wieder positiv geschätzt.
Welche Tätigkeiten profitierten besonders? Essen und Trinken zeigte besonders konsistent große Zugewinne. Auch Reisen/Pendeln sowie aktive Freizeit (z. B. Gehen, Laufen, Work-out) waren deutlich angenehmer, wenn Interaktion im Spiel war. Und ja: Selbst typischerweise „solitäre“ Dinge wie Lesen wurden als angenehmer bewertet – ein schöner Gruß an die wachsenden „Reading Parties“.
Aber könnte es nicht sein, dass glückliche Menschen einfach eher unter Leute gehen? Natürlich ist das naheliegend: Vielleicht sind Menschen zuerst gut gelaunt und suchen dann Kontakt – und nicht umgekehrt. Deshalb machten Folk und Dunn einen Zusatztest. Sie haben sich angeschaut, ob die Aktivität in einer Episode vom Glück in der vorhergehenden Episode abhängt. Ergebnis: Auch nach Kontrolle der vorherigen Stimmung wurde die Tätigkeit als glücklicher erlebt, wenn sie mit jemandem geteilt wurde. Das ist kein endgültiger Beweis für Ursache-Wirkung, aber es spricht dagegen, dass der gesamte Befund nur ein „Gute-Laune-geht-raus“-Effekt ist.
„Aber ich bin doch manchmal lieber allein“. Was ist mit typischen Solo-Aktivitäten? Die Studie zeigt auch: Manche Aktivitäten werden häufiger allein gemacht – etwa Lesen, Kunsthandwerk oder der Arbeitsweg. Für solche Tätigkeiten war der Vorteil von Interaktion tendenziell kleiner, aber immer noch positiv. Selbst unter den am häufigsten allein ausgeübten Tätigkeiten blieb der Zusammenhang zwischen Interaktion und Glück in allen Jahren positiv.
Das ist psychologisch spannend, weil frühere Forschung nahelegt, dass Menschen die Vorteile spontaner sozialer Kontakte oft unterschätzen (etwa Gespräche mit Bekannten oder zufällige Begegnungen). Folk und Dunn interpretieren ihren Befund entsprechend: Wir könnten systematisch unterschätzen, wie sehr selbst ein bisschen Kontakt eine scheinbar solo-taugliche Aktivität aufwertet. Die gefundenen Effekte sind zwar eher klein: Im Durchschnitt lag der Unterschied zwischen Aktivitäten mit und ohne Andere z. B. im Jahr 2013 bei rund 0,22 Punkten auf der 0–6-Skala. Das klingt wenig – kann sich aber über viele Episoden hinweg summieren.
Gerade diese Mischung aus „klein, aber häufig“ macht die Ergebnisse für das echte Leben relevant: Es geht nicht um den einen großen Moment, sondern um die vielen kleinen Momente, in denen wir entscheiden, ob wir etwas allein durchziehen oder Verbindung zulassen. Die Studie liefert dabei keinen Imperativ („Sei immer unter Leuten!“). Sie erinnert eher daran, dass Sozialkontakt ein erstaunlich robuster Verstärker von Alltagsfreude ist, selbst dort, wo wir ihn nicht erwarten.
Quelle: Folk, D., & Dunn, E. W. (2025). Everything is better together: Analyzing the relationship between socializing and happiness in the American Time Use Survey. Social Psychological and Personality Science. Advance online publication. doi.org/10.1177/19485506251364333
