Ist man so jung, wie man sich fühlt?

 zusammengefasst von Sofia-Marie Oehlke

 

Von Jahr zu Jahr feiern wir Geburtstag, zünden eine weitere Kerze auf dem Kuchen an und stellen fest: Wir sind älter geworden – zumindest auf dem Papier. Denn fragt man Personen, wie alt sie sich eigentlich fühlen, bleiben besonders mittlere und ältere Erwachsene im Herzen jung. Frühere Studien zeigen, dass dieses gefühlte, jüngere Alter ein höheres Wohlbefinden, eine bessere Gedächtnisleistung und eine gesteigerte körperliche Gesundheit begünstigt. Ist also an der Volksweisheit, „man ist so jung, wie man sich fühlt“, tatsächlich etwas dran? Und wie lässt sich der Einfluss unserer Einschätzung gegenüber dem eigenen Alter erklären? 

Diese Fragen stellten sich Markus Wettstein und sein Team des „Deutschen Zentrums für Altersfragen“ in Berlin. Ein wichtiger, in diesem Zusammenhang aber wenig untersuchter Gesichtspunkt, ist langanhaltender Stress. Unter Dauerdruck zu stehen ist eines der größten Risiken für unsere geistige und körperliche Gesundheit. Die Forscher*innen vermuten, ein gefühltes, jüngeres Alter könnte dieses Risiko wie ein Schutzschirm abpuffern. Denn Menschen, die sich jünger fühlen, sind glücklicher, treiben häufiger Sport oder ernähren sich gesünder - was wiederum die negativen Konsequenzen von Stress auf unsere Gesundheit verringern kann. Ältere Erwachsene werden von einer hohen Belastung verstärkt aufgewühlt und finden nur schwer zu ihrer inneren Ruhe zurück. Sich jünger zu fühlen, als man ist, könnte daher besonders im höheren Alter an Wichtigkeit gewinnen.  

Die Forscher*innen untersuchten ihre Überlegungen anhand einer großangelegten Studie aus Deutschland. Insgesamt nahmen über 5.000 Personen, die 40 Jahre oder älter waren, teil. Die Teilnehmer*innen wurden befragt, „wie alt sie sich fühlen?“ und gebeten, ihren aktuellen Gesundheitszustand und empfundenen Stress einzuschätzen. Dabei galt man als gesund, wenn man alltäglichen Aktivitäten, wie Spazierengehen, sich waschen oder anziehen, ohne Einschränkungen nachgehen kann. Drei Jahre später gaben die teilnehmenden Personen erneut Auskunft zu ihrer Gesundheit.

Die Ergebnisse sind deutlich: Sich jünger als sein tatsächliches Alter zu fühlen, hält fit und kann den Auswirkungen von Stress einen kleinen Riegel vorschieben. Zwar erlebten Personen, die sich angespannt und belastet fühlten, drei Jahre später mehr gesundheitliche Einschränkungen. Dieser Zusammenhang konnte aber durch ein gefühltes, jüngeres Alter verringert werden. Weiterhin stieg die schützende Wirkung mit zunehmendem Alter der befragten Personen an. Das bedeutet: Je älter man tatsächlich ist, desto eher hilft ein empfundenes, jüngeres Alter die Gesundheit vor den Auswirkungen von Stress zu bewahren.

Wettstein und Kolleg*innen fordern deshalb Programme, die ein positives Bild über das Älterwerden unterstützen und vor allem älteren Erwachsenen helfen, sich jung zu fühlen. Falls wir also das nächste Mal einen Drang verspüren, dem inneren Kind, Jugendlichen oder jungen Erwachsenen freien Lauf zu lassen, sollten wir diesen guten Gewissens ausleben.

 

Wettstein, M., Spuling, S. M., Cengia, A., & Nowossadeck, S. (2021). Feeling younger as a stress buffer: Subjective age moderates the effect of perceived stress on change in functional health. Psychology and aging36(3), 322–337. doi.org/10.1037/pag0000608

 Podcast: Ist man so jung, wie man sich fühlt?


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